GIMME SHELTER – Friedensfahrt | Review by Dark Music World

GIMME SHELTER – Friedensfahrt | Review by Dark Music World

By Bent-Erik Scholz | September 15, 2019 | 


Seit ihrer Gründung im Jahr 2009 stehen Gimme Shelter schon für feinsten modernen Electrosound, der ganz eigene Wege geht und sich in keine Schublade pressen lässt. Auch live können die beiden Musiker Robert Grolms und Niko Kötzsch mit einfühlsamen Texten und harten Beats ihr Publikum immer wieder aufs Neue überzeugen. Nach ihrem Debütalbum „Warnemünde“ (2015) und „Kosmodrom“ (2017) liefert das Duo nun pünktlich zum 10-jährigen Bestehen ihr drittes Studioalbum „Friedensfahrt“ am 27.09.2019 über dem italienischen Plattenlabel Space Race Records ab.

Dichte Soundteppiche, beruhigend und gleichsam anregend beschleichen den Hörer, wenn Gimme Shelter ihr neues Album „Friedensfahrt“ mit dem dazugehörigen Titeltrack eröf- fnen. Durch den mit Wiederholungen und leichtfüßigen Bildern spielenden Text und der höchst angenehmen Instrumentierung entfesselt dieser Song eine wahrlich friedvolle Stimmung und einen perfekten Sog in diese Platte.

„Bombing Forces“ quittiert dies sofort mit einem etwas düstereren Sound, straight-forward mit einer einprägsamen Grundmelodie, die an die Achtzigerjahre erinnert. Ver- spielt und kalt, lyrische Referenzen an den Krieg gegen Terror und tiefer Unsicherheit, ein Portrait der emotional abhärtenden Welt. Dem Song unterliegt eine gewisse, sehr spann- ende Sperrigkeit, lyrische Einfachheit, die große Bildgewalt erzeugt, treibt die Nummer voran. Eher tanzbar und beatlastig kommt dann „Colder Than Storm“ daher, während der Gesang hier enorm balladesk ist, das Instrumental jedoch vielschichtig und breit die Span- nung zu halten weiß.

Mit „Stolperstein“ liefern Gimme Shelter ein instrumentales Zwischenspiel, das ebenfalls besonders durch seine Dichte Atmosphäre erzeugen kann. Die marschierenden Schritte, die am Ende des Tracks zu hören sind, leiten über zum etwas EBM-artigen Follow-up „Nacht und Nebel“. Mit ordentlich Echo (und leichter Ähnlichkeit zu Joachim Witt) werden zwar etwas komische Phrasen („Fifty years, sixty years, seventeen years, whatever years, it’s a lot of tears“) verlautbart, aber das Thema des Songs hat nach wie vor Brisanz und erinnert an eine sehr schreckliche Zeit der Menschheitsgeschichte, auf die schon im Titel des vorherigen Songs angespielt wird. Dieses Aufgreifen des Holocaust muss auf jeden Fall respektiert werden.

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber bei „Wave Goodbye“ muss ich zwischenzeitlich fast ein wenig an David Bowie denken. Der Song setzt auf eine nur dezent langsamere BPM, hypnotisch, wehmütig, und hymnisch werden Zeilen wie „Wave goodbye, hand in hand, feel so high, forever friends“ gesungen. Besonders in der letzten Minute, wenn ein weiterer kleiner Synth-Loop den Sound anreichert, wächst dieser Track zu einer wirklichen Schönheit. Etwas überraschend gelingt der Start in den Track „Sobibor“. Das zweite Instrumentalstück der Platte ist sehr experimentell, düster, mit 808-Drums, düsteren Pianos und Voice Samples, die sich auch um das Thema Holocaust drehen, angereichert und weckt im Hörer eine gewisse Unruhe. Beunruhigend und spannungsgeladen, teils fast zappelnde Electro-Klänge, die durch den textlichen Kontext nichts von ihrer Eindringlichkeit einbüßen.

Heftig kommt „Repeating History“ her, ein Song, dessen Thema ja schon im Titel vorge- geben wird. Harte Klängen, stampfender Beat, sagenhafte Dramatik und fast ausgespuckte Vocals, die gemeinsam mit dem denglischen Text diesem Song das absolute EBM-Gefühl verleihen. Stoisch und in die Fresse, ohne lyrisches Umhertänzeln geht der Finger hier direkt in die Wunde. Ein weiterer Skit, „Etappe VIII“, hat schon fast Hörspielcharakter durch die starke Präsenz der eingespielten Geräusche klirrender Gläser und einer lach- enden Gemeinschaft. Nach einem Break wird es dann aber etwas abstrakt: Ist das verzerrter Chorgesang? Was sind das für kleine, tutende Sounds, die plötzlich hier und da auftauchen? Man bleibt am Ball und ist gespannt, was „Into The Night“ zu bieten haben wird.

Anfangs auf jeden Fall bietet das Stück nämlich einen treibenden und ein kurzes „Ooooh“, gesungen von einer weiblichen Stimme und erinnernd an die Sisters Of Mercy. Der Song ist leicht poppig, mit absolutem Mitnick- und Bewegungspotential, ohne bei all dem Treiben die Tiefe und Stimmung zu geben. Hierauf folgt die obligatorische Anti-Krieg-und-Rassis- mus-Nummer. Die ist zwar gut und wichtig, das Instrumental ist exzellent, aber lyrisch ist „We Are All The Same“ ein wenig platt. „We can fight against each other, it could be your sister or your brother“ oder „You can fly if you try“ sind jetzt definitiv keine Geniestreiche. Inhaltlich mag das ja alles richtig sein, aber wer so sehr auf Texte achtet wie ich, würde sich eher wünschen, dass man versucht, Worte zu finden, die das Argument noch einmal unter- streichen oder erweitern. So vieles wurde schon gesungen, und es hat wenig gebracht. Wenn man sich dem also annimmt, dann sollte man doch bitte versuchen, Menschen mit gegensätzlicher Meinung etwas mehr zu überzeugen. (Der Song ist trotzdem wirklich ganz hübsch!)

Auf „Jedesmal“ wird es wieder sehr melancholisch. Die Elektroballade kommt mit wirklich schönem Instrumental, der Text hat lyrisch fast schon Poetry-Slam-Potential. Und für Songs über ungleiche Liebesverhältnisse hat der Rezensent nun mal leider einen Soft Spot, auch wenn die letzte Strophe doch ein wenig unspektakulär ist. „Du vermisst ihn so sehr, doch er hält deine Hand nicht mehr“ – Es ist nichts Falsches, das Offensichtliche in Worte zu verpacken, aber man muss ja nicht die offensichtlichen Worte nehmen.

Der Closer jedoch rettet das Ganze schon mit seinem Instrumental: „Apocalypse“ ist ein fantastisches Stück Keyboardakrobatik irgendwo zwischen Horrorfilm-Soundtrack und Videospiel-Endboss. Voller Drama, zügigem Rhythmus, Orchester- und Chor-Samples, und mit einem sehr passenden, reduzierten Text garniert. „Wake up to this painful sound“, „Old white men have lost connection – move away from them“. Mut zur Knappheit, manchmal wirkt sie wahrhaftig Wunder!

Fazit: Starker Anfang, starke Mitte, und auch auf die letzten Meter wird „Friedensfahrt“ noch einmal ganz groß. Soziopolitische Gefühle und exzellente musikalische Arbeit sind die roten Fäden dieses Albums. Lyrisch geht zwar der ein oder andere Schuss daneben, oder es mogelt sich mal eine Platzpatrone dazwischen, aber an einigen Stellen haben Gimme Shelter nicht nur was zu sagen, es gelingt ihnen auch, das effektiv zu tun. Kurz gesagt: eine sehr, sehr hörbare Platte mit einigen ausgesprochen interessanten Themen und durchweg sehr guten Instrumentals. Bis auf „We Are All The Same“, das seinen Inhalt leider einfach so hinschleudert anstatt es mit entsprechender Dringlichkeit umzusetzen und eher ungeschickt wird, weist jeder Song dieser Platte auf atmosphärischer Ebene keinerlei Fehler vor. Besonders die Songs über die düsterste Zeit der deutschen Historie erzeugen hierbei einen bleibenden Eindruck und aufgestellte Nackenhärchen. „Nacht und Nebel“„Into The Dark“ und „Apocalypse“ gehören definitiv zu den Highlights dieses Werks.

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